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05. 11. 2016 – Annie Proulx – Vorstellung der Autorin anhand von drei Werken

Präsentation in den „Goslarschen Höfen“

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Annie Proulx wurde am 22. August 1935 in Connecticut geboren. Ihre Mutter, von Beruf Malerin und Zeichnerin, gehörte einer alteingesessenen Bürgerfamilie an, deren Vorfahren bereits 15 Jahre nach der „Mayflower“ im Jahre 1635 emigriert waren. Ihr Vater war Franko-Kanadier. Er arbeitete sich in der Textilindustrie bis ganz nach oben. Annie Proulx hat vier Geschwister.

Sie studierte Geschichte, machte darin den Bachelor und den Master und brach das Doktorandenstudium kurz vor dem Ende ab. Als Grund dafür gibt sie an, sie hätte nur eine nicht-selbstständige Arbeit mit Vorgesetzten und allerhand bürokratischen Vorschriften ergreifen können. Zu der Zeit war ihr klar, dass sie das nicht wollte.

Sie war drei Mal verheiratet und ist drei Mal geschieden, hat vier Kinder und lebt allein.

Nach dem Studium schrieb sie als Journalistin für Zeitschriften und verfasste praktische Ratgeber über Gartenpflege, Vogeljagd etc. Sie tat das allein zu dem Zweck, sich und ihre Kinder zu ernähren, und machte die Erfahrung, dass die Zeitschriften immer bereitwillig ihre Artikel abdruckten.

Erst mit über 50 Jahren wandte sie sich der Belletristik zu. Lange Zeit wohnte sie in dem dünn besiedelten Bundesstaat Wyoming, dessen weite, offene Landschaften und ursprüngliche Natur sie so faszinierte, und baute sich dort selbst ein Haus auf einer Fläche von 80 Morgen. Dort schrieb sie u. a. die Geschichtensammlung „Weit Draußen“ (Close Range), die „Schiffsmeldungen“ (The Shipping News) und „Das grüne Akkordeon“ (Accordion Crimes). Vor einigen Jahren gab sie ihr Anwesen in Wyoming, das den Namen „Bird Cloud“ hat, auf, da ihr das Leben dort immer strapaziöser vorkam. Sie musste weite Strecken mit dem Auto zurücklegen, um die nötigsten Dinge des täglichen Bedarfs einzukaufen. Sie zog in einen Vorort von Seattle, aber auch von dort wird sie bald wegziehen, weil sie einerseits allergisch auf die Bäume (Rotzedern) auf ihrem Grundstück reagiert und sie andererseits wieder an die Ostküste ziehen möchte, um ihren noch verbliebenen Familienmitgliedern näher zu sein.

Annie Proulx beschreibt sich selbst als: dominant, ungeduldig und scheu. Wie oben erwähnt, arbeitet sie am liebsten selbstständig, wenn es um das Verfassen ihrer Werke geht, aber gerne mit interessierten und kundigen Menschen zusammen, wenn es um das Erforschen neuer Gebiete geht wie z. B. um die „Rote Wüste“ im Süden Wyomings, bei dem sie auch mit Archäologen zusammen an einem Buch schrieb. Sie ist mit Sicherheit eine der ersten „Grünen“, denn Themen wie Umweltverschmutzung, Waldabholzung, Klimawandel, Überfischung etc. thematisiert sie in ihren Werken. Sie hat ferner einen scharfen Blick auf die Gesellschaft und ihre Veränderung in der Geschichte, vor allem das Schicksal der Landbevölkerung, das von Tod, Katastrophen, Enteignung, Vertreibung, aber auch selbstverschuldetem Versagen durch Sturköpfigkeit geprägt ist. Ihr Humor ist, wenn er durchscheint, tiefschwarz und etwas bösartig.

Sie sagt von sich selbst, eine gute Beobachterin zu sein, liest sehr, sehr viel, hat eine riesige, gut geordnete private Bibliothek und macht im Vorfeld zu ihren Romanen sehr, sehr sorgfältige Recherchen, wie z. B. beim „Grünen Akkordeon“, in dem sie die um 1890 stattgefundenen Lynchmorde an italienischen Einwanderern in Louisiana aufgreift. Inzwischen ist sie 81 und immer noch sehr fit. Interviewer sagen über sie, dass sie genauso redet, wie sie schreibt. Zahlreiche Preise hat sie für verschiedene Werke bekommen, darunter den Pulitzer-Preis für die „Schiffsmeldungen“, aber Preise bedeuten ihr nichts.

Ich selbst wurde das erste Mal 1997 auf sie aufmerksam, als ich zufällig eine TV-Sendung ansah, in der ihr aktuellstes Buch „Das grüne Akkordeon“ vorgestellt wurde. Sie kam dort auch zu Wort, leider synchronisiert, aber dennoch ging auf mich eine große Faszination von ihr aus.

Das Grüne Akkordeon (Accordion Crimes), 1996knopfakkordeon

Was mich auch sehr neugierig auf „Das grüne Akkordeon“ machte, war die Tatsache, dass der rote Faden durch den Roman nicht, wie sonst eher üblich, ein einzelner Mensch oder eine Familie ist, sondern ein Musikinstrument. Der Roman beginnt um 1890 mit der genauen Beschreibung des Musikinstruments und seines Herstellungsprozesses und endet damit, dass etwa 100 Jahre später ein Lastwagen über das schon seit langem kaputte Instrument fährt, das spielende Kinder auf den Highway geworfen haben. Der Roman umfasst 100 Jahre amerikanischer Geschichte, die eine Geschichte der Immigration und ihren Folgen ist.

Bemerkenswert ist eines der drei Zitate, die sie voranstellt:

„Gäbe es die Schwarzen in Amerika nicht, wären die europäischen Amerikaner keine ‚Weißen‘ – sie wären nur Iren, Italiener, Polen, Waliser usw., verstrickt in Klassen-, Kultur- und Geschlechterkämpfe um Ressourcen und um ihre Identität„. – Cornel West, Race Matters

Das Buch beginnt mit einer eingehenden Beschreibung des Instruments und seiner Herstellung.

Leseprobe 1 „Das grüne Akkordeon“ S. 13/14

Sein Auge war wie ein Ohr, in dem es jedes Mal knisterte, wenn er einen Blick auf das Akkordeon warf. Es lag auf der Werkbank, der Lack schimmernd wie frisches Harz. Licht träufelte über Perlmutt, die neunzehn blanken Knöpfe, blinkte in zwei kleinen ovalen, schwarzumrandeten Spiegeln, Augen, die sich gegen Augen stemmten, gegen das giftige Starren eines jeden, der den malocchio besaß, bereit, den bösen Blick ins böse Auge zurückzuwerfen.

Das Verdeck hatte er mit einer Diamantsäge aus einer Messingblechplatte geschnitten, mit einem Muster von Pfauenfedern und Olivenlaub. Die Haspen und Schlossbleche, mit denen das Gehäuse auf beiden Seiten am Balgrahmen befestigt war, die Messingschrauben, den Stimmstock aus Zink, die empfindlichen Wellen und die Zungen selbst, aus Stahl, das gut abgelagerte tscherkessische Walnussholz für das Gehäuse, all dies hatte er gekauft. Aber alles andere hatte er selbst angefertigt: die V-förmigen Drahtfedern mit den Spirallöchern, die unter den Knöpfen steckten und sie wieder in die Ausgangsposition schnellten, sobald die Finger vorübergetanzt waren, die Knöpfe, die Hebeldrähte. Der gefältelte Balg, die ledernen Luftklappen und Dichtungen, die eingeschnittenen Eckversteifungen, die Klappendeckel, dies alles stammte von einer Ziege, der er selbst die Kehle durchschnitten und deren Haut er mit Aschenkalk, Hirn und Talg gegerbt hatte. Der Balg hatte achtzehn Falten. Die Holzteile, aus harter Walnuss, die sich auch bei Feuchtigkeit nicht verzog, hatte er zurechtgesägt und geschmirgelt, den schädlichen Staub dabei eingeatmet. Das Gehäuse ließ er nach dem Aufleimen sechs Wochen antrocknen, bevor er die Arbeit fortsetzte. Gewöhnliche Akkordeons zu bauen interessierte ihn nicht. Er hatte seine eigene Theorie, seine Vorstellung davon, wie ein gutes Instrument gebaut sein musste, und mit diesem hier als Muster gedachte er in La Merica sein Glück zu machen.

Mit einer Stimmgabel und nach Gehör stellte er die Quarten und dann die Quinten ein, sodass ein wenig Dissonanz blieb, schneidend und doch wohltuend. Auf sein Ohr war Verlass, er konnte Harmonien im Knarren von Türangeln hören. Die Knöpfe öffneten und schlossen die Klappen ohne Verzug, mit einem leisen Klicken wie von Würfeln in der Hand eines Spielers. Aus einiger Entfernung klang das Instrument schrill und klagend, es ließ die Hörer an die Brutalitäten der Liebe denken und an mancherlei Hunger. Die Töne kamen beißend scharf, der Zahn, der zubiss, schien von Schmerz ausgehöhlt zu sein.

 

Sicher kann die Tatsache, dass die Autorin dem Erbauer des Akkordeons keinen Namen gibt, sondern von ihm nur als von dem Akkordeonbauer spricht, als böses Omen gedeutet werden. Der Akkordeonbauer lebt auf Sizilien. Seine Familie verdient ihren kargen Unterhalt mit Landarbeit. Ihm ist danach, etwas anderes zu lernen, und so begibt er sich nach Norditalien in die Lehre zu einem Akkordeonbauer. Als er die Lehre beendet, stiehlt er einige Werkzeuge seines Meisters, um selbst zu Hause diese Instrumente machen zu können.

Er heiratet seine langjährige Verlobte, hat ein paar Kinder, verrichtet Landarbeit, aber er hat Träume. Er möchte in die Vereinigten Staaten auswandern, um dort mit seinem Handwerk Geld verdienen zu können. Und so baut er sich das vorhin beschriebene grüne Akkordeon als Muster, um es mitzunehmen. Mit seinem ältesten Sohn Silvano begibt er sich im Jahr 1890 in Richtung Palermo, um von dort in Richtung New York aufbrechen zu können. Das Geld für die Überfahrt hatte er sich in den letzten Jahren zusammengespart. Im Zug sitzt ihm ein junger Mann gegenüber, der ihm in den buntesten Farben von New Orleans vorschwärmt. Dort liege die Zukunft, dort hätte er die besten Möglichkeiten. Der Akkordeonbauer ändert seine Meinung und bucht die teurere Überfahrt nach New Orleans.

Nach einer problemlosen Überfahrt bei sonnigem Wetter landen die beiden in New Orleans und bekommen Arbeit und Logis über einen „Signor Banano“. Zwar ist das Verladen von Bananen schwere körperliche Arbeit und das Logis katastrophal, aber der Signor ist den beiden durchaus wohlgesonnen. Der Akkordeonbauer traut sich mehr und mehr, bei seinen abendlichen Kneipengängen sein Instrument mitzunehmen und zu spielen und zu singen, wenn der Klavierspieler gerade eine Pause macht. Er erregt Aufmerksamkeit und bekommt tatsächlich von einem gewissen Pollo seinen ersten Auftrag. Fieberhaft baut er in jeder freien Minute an seinem Instrument. Sein Vermieter Cannanele, der es gut mit ihm meint, will ihm Beziehungen vermitteln und geht mit ihm in eine Kneipe, um ihn bestimmten Personen vorzustellen. Doch dazu kommt es nicht. Kaum sitzen sie zusammen am Tisch, führt die Polizei eine Razzia durch. Angeblich soll ein Italiener einen Mord begangen haben. Darum macht sie Jagd auf alle italienischen Einwanderer. Der Akkordeonbauer wird inhaftiert. Als wenig später bekannt wird, dass alle Italiener freigesprochen werden sollen, stürmt eine Gruppe wütender Bürger das Gefängnis mit dem Ziel, alle Italiener zu töten. Der Akkordeonbauer versteckt sich zwar, aber man findet und erschießt ihn. Sein Sohn Silvano wird im Gefängnis gefoltert, aber dann freigelassen. Für seinen Vater empfindet er nur Verachtung, weil der sich hat erschießen lassen. Er nennt sich ab sofort Bob Joe, findet Arbeit auf einem Frachter, stirbt aber bald plötzlich durch einen Unfall.

Das Akkordeon wandert den Mississippi hinauf. Pollo hatte es sich nach der Razzia unter den Nagel gerissen. Er zieht flussaufwärts und wird von einem anderen Akkordeonspieler erstochen, als er dessen Spiel kritisiert.

In der Nähe von Keokuk am nördlichen Lauf des Mississippi, wo die Grenzen von Iowa, Illinois und Missouri aufeinandertreffen, gibt es verlassenes Farmland, das einigen deutschen Einwandererfamilien zur erneuten Bewirtschaftung durch die Regierung gegen ein geringes Entgelt zugewiesen wird. Diese drei Familien erweisen sich in jeder Hinsicht als sehr tüchtig. Sie fahren gute Ernten ein, haben sehr viele Kinder, werden aber auch von sehr vielen Wetterkatastrophen und Krankheiten heimgesucht, denen einige ihrer Kinder zum Opfer fallen. Sie lassen sich davon nicht unterkriegen und verstehen es auch zu feiern. Einer von ihnen, Hans Beutle, entdeckt eines Tages in einer Holzhandlung das grüne Akkordeon. Der Ladenbesitzer hatte es einige Jahre zuvor einem „armen Nigger“ abgekauft. Er kauft das Instrument und spielt fortan bei jeder Feier und stampft dazu den Takt laut mit dem Fuß. Ihm wird aber das Knopfakkordeon zu klein und er kauft sich ein Hohner-Akkordeon. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, sehen sich die drei deutschen Familien vielen Anfeindungen ausgesetzt. Beutles Sohn stirbt in Europa als Soldat. Beutle lässt sich von einem Scharlatan zu einer Operation überreden, die er nicht überlebt.

Der nächste Besitzer des Instruments ist der Mexikaner Abelardo Relámpago Salazar in Hornet, Texas. Er verdient sein Geld mit Musik, doch zu seinem großen Leidwesen hat seine Tochter Felida das meiste seines musikalischen Talents geerbt, seine drei Söhne hingegen weniger. Er kann das nicht akzeptieren und verbietet ihr zu spielen. Eines Tages findet er das grüne Akkordeon im Schaufenster eines Friseurladens in einer texanischen Baumwollstadt, kauft es und repariert es sorgfältig. Er liebt seinen unverwechselbaren bitteren Klang. Doch das Leben ist hart: Während der Weltwirtschaftskrise werden Mexikaner wie Freiwild behandelt. Sie müssen damit rechnen, jederzeit erschossen zu werden. Abelardo lebt mit seiner Familie in einem Wohnwagen. Eines Tages wird er von einem Fremden zu konspirativen Handlungen überredet, der ihm als Lohn dafür viel Geld verspricht. Er soll kleine Päckchen (vermutlich mit Drogeninhalt) an bestimmten Orten deponieren. Abelardo tut, wie ihm geheißen und verdient insgesamt 14000 $. Plötzlich kommen keine Päckchen mehr. Dem Unbekannten ist vermutlich etwas zugestoßen. Abelardo versteckt die 14000 $ im Innenleben des Akkordeons

Als er merkt, dass Felida wieder heimlich gespielt, rastet er aus. Felida, die zuvor von ihrem eigenen Mathelehrer vergewaltigt worden ist, verlässt nachts den Wohnwagen, nachdem sie ein Messer in das grüne Akkordeon gestochen und die Gashähne aufgedreht hat. Auch Abelardos Söhne können nicht so recht im Leben Fuß fassen: Alkoholsucht, Diebstähle, Einbrüche, Gefängnisaufenthalte und wirtschaftliche Misserfolge wie familiäre Probleme bestimmen ihr Leben.

Eines Nachts wird Abelardo von einer Einsiedlerspinne gebissen, bekommt starkes Fieber und stirbt.

Abelardos Sohn Baby arbeitet weiter als professioneller Musiker, spielt das grüne Akkordeon und kommt weit herum. Eines Tages trifft er seine Schwester Felida, die inzwischen verheiratet und selbst auch professionelle Musikerin geworden ist. Sie lädt ihren Bruder zum Abendessen ein, bei dem es zum Streit kommt. Baby fährt mit dem Taxi zurück ins Hotel und lässt das Akkordeon versehentlich im Taxi liegen.

Der nächste Besitzer wurde auf den Namen Dolor (=Schmerz) getauft. Sein Vater war Franzose, der Akkordeon spielen konnte und nach Kanada auswanderte, dort heiratete, nur schlechte Arbeit fand und auf Drängen seiner Frau in die USA zog. Als es dort wirtschaftlich nicht besser geht und er sogar noch drei Finger in einer Sägemaschine verliert, verlässt er seine Frau und seine sechs Kinder und wandert zurück nach Frankreich. Dort schließt er sich zunächst der Résistance an, läuft aber dann zu den Kollaborateuren über.

Die Kinder werden ins Waisenhaus gesteckt. Dolor ist verschlossen und lies viel. Er wird von der Heimleitung in Frank umbenannt. Nach dem Schulabschluss verlässt er das Waisenhaus und bekommt seine Sachen ausgehändigt, zu denen auch ein Koffer mit einem kaputten Akkordeon gehört. Er geht zur Armee und wird nach Deutschland versetzt, wird dort schwerkrank, für dienstuntauglich erklärt, geht zurück in die USA, strandet in Minneapolis, findet in einem Taxi besagtes grünes Akkordeon und nimmt es mit, geht nach Maine und nimmt eine Arbeit in der Holzindustrie an. Einer der Mitarbeiter gibt sich ihm gegenüber als ehemaliger Mitinsasse des Waisenhauses zu erkennen. Er überredet Dolor/Frank dazu, auf seinem Akkordeon zu üben, weil er selbst Geige spielt. Dolor bringt sich das Spiel selbst bei und sie musizieren viel und oft zusammen. Sie haben auch Auftritte, aber Dolor gefällt die Musik nicht. Er ist auf der Suche nach echter französischer Akkordeonmusik, wie sein Vater sie spielte. Er fährt sogar nach Kanada auf der Suche nach der Musik, die er bereits über Radio Canada gehört hat. In Montgomery findet er einen Gasthof, in dem Musiker genau die Musik spielen, wie er sie sich vorgestellt hat.

Leseprobe 2 „Das grüne Akkordeon“  S. 303/304

Ein älterer Mann sang etwas und alle Gesichter wandten sich der Vorderseite des Saals zu, wo er auf einem Podest stand. Die Akkordeons und die Löffel (cuillères) funkelten in dem vielfältigen Licht, die Knie der Musiker hoben und senkten sich mit metronomischer Strenge. Im ganzen Saal wippten Leute mit dem Kopf, ließen die Finger auf den Tischen tanzen, wiegten sich und schnalzten mit der Zunge im Takt der cuillères, der os, der pieds des accordéonistes, bis die Tische weggeräumt wurden und der Tanz begann.

Er war in einem Saal voller Franzosen. Es gab Ähnlichkeiten im Knochenbau, der Feinheit der Hände, in den dunklen Haaren und Augen. Er sagte sich, das sind die Menschen, von denen du abstammst, er war mit den Leuten ringsum genetisch verbunden. Er spürte eine seltsame Erregung. Es wurde die große Nacht seines Lebens, die er später aus versunkenen Träumen wieder hervorzog, wenngleich sich eine Phantomerinnerung in sein Gedächtnis eingeschlichen hatte: Er glaubte, an diesem Abend Französisch verstanden und gesprochen zu haben.

Die Musik war von blendender Gewalt, voll Feuer und Lebensmut. Die Tänzer sprangen über den Boden und ab und zu traten sie zurück, um einem Stepptänzer Platz zu machen, der mit steifem Rücken, hocherhobenem Kopf und angelegten Armen das Trappeln, Rattern, Pochen, Hämmern und Schleudern der Füße akzentuierte, bald im Takt der Musik, bald von ihr abhebend…..

Nach diesem Erlebnis fällt Dolor in eine tiefe Depression. Er kann seine Beine immer weniger bewegen und keiner kann ihm helfen. Erst als er zu einem Heiligen auf Anraten betet, geht es ihm besser. Er heiratet und ist sehr glücklich und sich sehr bewusst darüber, wie schnell das vorbei sein kann. Er erschießt sich, weil er mit diesem Gefühl des absoluten Glücks sterben möchte. Seine Schwägerin und ihr Mann haben derweil das grüne Akkordeon auf ihre Reise nach Louisiana mitgenommen, um es dort für einen guten Preis zu verkaufen.

In Louisiana wird das grüne Akkordeon von Onesiphore Malefoot, einem Akadier, gekauft. Er und seine Familie leben in den Bayous des Missippideltas. Er mag das Akkordeon sehr. Aber eines Tages ist er dessen überdrüssig und verkauft es an einen „Nigger“ namens Octave. Wir schreiben inzwischen das Jahr 1960. Es ist das Jahrzehnt der Proteste der Afroamerikaner gegen die Rassendiskriminierung durch die Weißen. Octaves Schwestern sind auch daran beteiligt. Octaves Situation ist verzweifelt. Das Akkordeon ist im Pfandleihhaus und er sitzt im Gefängnis. Danach raubt er in Chicago einen Supermarkt aus und kauft sich von dem erbeuteten Geld ein Stück Land, auf dem er Abfall und Klärschlamm gegen Geld abladen lässt. Davon kann er gut leben. Akkordeon spielt er nie mehr.

Die nächste Station des Akkordeons führt uns in eine polnische Familie. Die Großmutter erzählt ihren Enkeln davon, wie schwer die Einwanderer es früher hatten. Alle Volksgruppen verachteten und bekämpften einander. Der Großvater spielte Akkordeonmusik in polnischen Clubs in den Zwanziger-Jahren. Sein Sohn Hieronim macht weiter damit. Als Hieronim durch einen Stromschlag stirbt, streiten sich die beiden Söhne um Vaters Akkordeon. Joey macht weiter Musik, auch mit seiner Frau Sonia. Auf dem Weg zu einem Auftritt werden ihnen die Akkordeons während einer Rast aus dem Auto gestohlen. Joey muss bis zum Abend Ersatz beschaffen. Bei einem Pfandleiher findet er zwei, das grüne, das dort auch steht, will er nicht. Nach dem Auftritt bringt er dem Pfandleiher die Instrumente zurück und kauft seiner Frau Sonia das grüne. Sie wiederum schenkt es ihrer Tochter Flurry. Zwei Jahre später ziehen sie nach Texas, wo er gutes Geld verdient. Aber Sonia stirbt an Krebs und die Familie fällt auseinander. Die Söhne wandern aus.

Der Soldat Vergil, gerade vom Vietnamkrieg zurückgekehrt, heiratet seine Frau Josephine. Sie fahren über Land und halten nach Ramschverkäufen Ausschau. Bei einem mit dem Namen „Wegen Umzug nach Texas“ finden sie das grüne Akkordeon und kaufen es nebst anderem Ramsch. Auf einer Farm des Ehepaars Switch in Montana kommen sie für eine Weile unter. Josephine schenkt der Frau das Akkordeon. Deren Farmarbeiter Fay probiert es aus. Es ist schadhaft und klingt sehr schrill.

Als Vergil die Farmersfrau vergewaltigt hat, verlässt er die Farm. Josephine heiratet wieder, einen weiteren Vietnam-Veteranen. Fay, der inzwischen das grüne Akkordeon sein eigen nennt, kommt damit nicht zurecht. Er bringt es dem baskischen Schäfer Javier, dessen eigenes Instrument durch zu viel Sonneneinstrahlung kaputtging. Dieser Schäfer, der weit draußen allein in einem Wohnwagen lebt, spielt noch lange auf diesem nicht mehr ganz funktionierenden grünen Akkordeon und singt dazu, auch des Nachts. Er beginnt das Instrument zu reparieren, unterbricht die Arbeit, um nach einem blökenden Schaf zu sehen, und bemerkt bei seiner Rückkehr nicht die Klapperschlange, die unter das Instrument gekrochen ist. Als er das Instrument hochhebt, beißt sie ihn. Zehn Tage später findet ihn der Campverwalter und lädt ihn mitsamt seinen Habseligkeiten auf seinen Pickup. Seine Sachen kommen auf den Speicher eines baskischen Hotels.

Zwei Jahre später kauft ein vietnamesisches Ehepaar das Hotel und übergibt allen Krempel der Pfandleihe Little Boy Blue in Kommission.

Ende der 1970er-Jahre, Old Glory, Minnesota. Ivar Gasmann, * 1944, dessen Eltern aus Norwegen gekommen waren, ist Lumpensammler und geht mit einem Karren herum. Er hat einen sehr gut gehenden Trödelladen. Er kauft die Pfandleihe Little Boy Blue auf. Das grüne Akkordeon landet auf seinem Wühltisch. Ivars Bruder Conrad entdeckt es, kauft es und will es seiner Tochter schenken. Er macht es aber beim Reparaturversuch erst richtig kaputt. Seine Tochter Vela will das kaputte Ding aber nicht haben, weil kein Ton mehr herauskommt. Es wird in den Müll geworden. Müllwagen transportieren es. Die Müllwagenfahrer sind drei Tage unterwegs. Irgendwo am Rand eines Highways werfen sie es heraus.

Kinder spielen am Rand des Highways und finden einen 1000-$-Schein, mit dem sie im Lebensmittelladen Süßigkeiten bezahlen. Die Kassiererin kann ihnen kein Wechselgeld geben und verspricht ihnen, es später ihrer Mutter zu geben. Die Kinder treten das Akkordeon ganz kaputt und werfen es auf den Highway. Nachdem ein großer langer Lastzug drüber gefahren ist, wirbeln die 1000-$-Scheine im Staub auf.

Soweit zum Inhalt. „Das grüne Akkordeon“ ist ein spannend und sehr differenziert geschriebenes Buch. Jedem Besitzer des Akkordeons widmet Annie Proulx lange Kapitel, in denen sie u. a. die lange Vorgeschichte ihrer Familie schildert, angefangen in ihren jeweiligen Heimatländern, in denen sie ihre Auswanderung vorbereiten und sie dann durchführen. Oftmals trifft diese erste Auswanderergeneration ein schweres Schicksal wie im Fall des Akkordeonbauers. Oft finden sie keine Arbeit, bestenfalls schlecht bezahlte, verunglücken oft schwer, werden überfallen oder vergewaltigt, die Kinder werden krank, sterben oder geraten auf die schiefe Bahn und die Familien sehen sich oft Anfeindungen wegen ihrer Herkunft ausgesetzt. Auf der niedrigsten Stufe stehen natürlich die Nachkommen der Sklaven, dann die Iren, alle anderen Gruppen – Deutsche, Norweger, Polen, Ungarn, Franzosen etc. – sind voller Dünkel wegen ihrer Herkunft und sie verachten alle anderen.

So umfasst dieses Buch 100 Jahre amerikanischer Geschichte, die geprägt sind von Einwanderern, Wirtschaftskrisen, Kriegseinsätzen und Umweltkatastrophen, aber auch von guten Entwicklungen und Erfolgen.

  1. „Weit Draußen – Geschichten aus Wyoming“ (Close Range – Wyoming Stories)

Sie erschienen 1999 und für sie erhielt die Autorin den Buchpreis des New Yorker Magazines.

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Die Landschaften Wyomings sind schroff mit bizarren Felsformationen, staubtrockenen Ebenen und steilen Flusstälern. Vorherrschende Farben sind gelb, braun und rot. Das Wetter ist extrem: Schneestürme, die durchaus im Juni toben können, sengende Hitze, Regengüsse, die den staubtrockenen Boden in ein Schlammfeld verwandeln.

Die Rancher betreiben vorrangig Rinder- und Schafzucht. Kleinere Ranches können kaum überleben. Reiche Schauspieler lassen sich hier mitunter nieder. Innovative Menschen probieren neue Wege aus, so die Straußenzucht im Park „Down Under Wyoming“ in der Erzählung „Der halbgehäutete Stier“. Und auch die Themen Klimawandel und Umweltzerstörung finden Eingang, z. B. mit Wade Walls in der neunten Geschichte „Die Gouverneure von Wyoming“, der die Menschen dazu bewegen will, die Rinderzucht aufzugeben – nicht nur wegen der starken Verluste durch Wetterprobleme, sondern auch wegen des Klimagases Methan, das die Rinder produzieren.

Die Menschen erzählen sich haarsträubende Legenden von menschenfressenden Pferden, halbgehäuteten Ochsen, die herumlaufen und den Farmer mit einem Fluch belegen.

In elf Erzählungen verwebt die Autorin solche Legenden mit modernen Lebensläufen. Fantastisches und Reales sind darin oft nicht voneinander zu trennen. Das Motto des Buches, das sie ihm voranstellt, ist die Äußerung eines Ranchers:

„Mit der Realität konnten wir hier draußen noch nie viel anfangen“.

Die zweite der elf Erzählungen „Tief im Schlamm“ (The Mud Below) handelt von einem kleinwüchsigen Jungen namens Diamond Felts, der auf Grund seiner Körpergröße zahlreiche Spitznamen wie „abgebrochener Riese“ und „Shorty“ erdulden muss. Er geht noch zur Schule und bekommt eines Tages das Angebot, am Wochenende auf einer Farm beim Kastrieren von Bullen zu helfen, um sich ein kleines Taschengeld zu verdienen. Auf die unappetitlichen Schilderungen gehe ich jetzt nicht ein. Nach getaner Arbeit bietet der Rancher ihm und den anderen Jungs an, probehalber auf einem Bullen zu reiten. Alle Jungen außer Diamond halten sich zurück, Als Diamond es als einziger versucht, hat er ein Erlebnis, das seinen weiteren Lebenslauf bestimmen wird:

Leseprobe 3 „Weit draußen“ / „Tief im Schlamm“ (The Mud Below) S. 39 / 40

Leecils Vater erklärte ihm, dass er die freie Hand hochhalten musste, weder sich selbst noch den Bullen damit berühren durfte, Schultern vorgestreckt und Kinn gesenkt, sich mit Füßen und Beinen und der linken Hand festhalten, vor allem aber nichts denken durfte und, wenn er abgeworfen würde, ob mit heilen oder gebrochenen Gliedern, schleunigst aufstehen und zum Zaun rennen musste. Er half ihm, sich das Halteseil um die Hand zu wickeln, sich sachte auf dem Bullen niederzulassen, sagte, jetzt das Gesicht schütteln und raus hier, und ein grinsender, blutbespritzter Lovis machte die Tür der Box auf, in der Erwartung, den Stadtjungen abgeschüttelt und in den Boden gestampft zu sehen.

Aber er blieb oben, bis jemand, der bis acht zählte, mit einem Stück Rohr aufs Geländer schlug, um die Zeit anzuzeigen. Er sprang ab, landete auf den Füßen, stolperte Hals über Kopf, aber ohne zu fallen, zum Geländer, zog sich daran hoch, keuchend vor Anstrengung und Erregung. Er kam sich vor wie eine Kanonenkugel. Der Schock dieser gewaltsamen Bewegung, die blitzartigen Verlagerungen des Gleichgewichts, das Gefühl eigener Stärke, als wäre er der Bulle und nicht der Reiter, und sogar die Angst hatten einen körperlichen Heißhunger in ihm gestillt, den er vorher gar nicht gekannt hatte. Es war ein berauschendes, unerträglich intimes Erlebnis gewesen.

„Weißt du was?“, sagte Como Bewd. „Du könntest einen Bullenreiter abgeben“.

Nach dem Bullenritt ist Diamond völlig berauscht. Auf dem Rückweg lässt er sich an einer Flussquelle absetzen und gibt sich dort seinem neuen Lebensgefühl hin.

Leseprobe 4 „Weit draußen / „Tief im Schlamm“  (The Mud Below) S. 40 / 41

In dem gewalttätigen Wasser, gegen die schlüpfrigen Felsen gelehnt, spielte er den Ritt noch einmal nach, überließ sich dem Gefühl, dass sein Leben nun zur doppelten Größe angewachsen war. Seine blassen Beine wackelten unter Wasser, Ketten von prickelnden Luftbläschen in jedem Haar. Euphorie durchströmte ihn, er lachte, erinnerte sich, dass er doch schon einmal auf einem Bullen gesessen hatte. Fünf Jahre war er alt gewesen und sie fuhren irgendwohin, er und seine Mutter und sein Vater […] und an den Nachmittagen ging er mit ihm zu einem Jahrmarkt, wo es ein Karussell gab.

Diamond schmeißt die Schule, überwirft sich mit seiner Mutter und geht nach Kalifornien auf eine Bullenreitschule, wo er die Abschlussprüfung mit Bravour besteht. Danach arbeitet er eine Weile mit dem Farmer zusammen, auf dessen Bullen er zum ersten Mal gesessen hatte, und tourt mit ihm durch die Lande. Als dieser aussteigt, muss Diamond sich andere Partner suchen, was ihm zwar gelingt, aber oft muss er auch alleine seinem Beruf nachgehen. Was ihn bei seinen Rodeoritten auszeichnet, ist, dass er im Unterschied zu allen anderen Reitern immer selbst vom Bullen abspringt und auf den Füßen landet, während die anderen sich abwerfen lassen. Er macht damit immer eine gute Figur. Er führt ein Nomadenleben, panzert sich gegen jedweden Anflug von Freundschaft und hat auch zu Frauen ein gestörtes Verhältnis: Entweder ignoriert er sie oder er vergewaltigt sie. Länger als zwei Stunden hält er es nie bei einer Frau aus. Sein Rodeoleben ist geprägt vom Wechsel zwischen großen Erfolgen und Verletzungen, die ihre Zeit brauchen, um auszuheilen.

Zwischendurch sucht er seine Mutter wieder auf. Diese will ihm eine Lektion erteilen. Sie nimmt ihn mit zu einem Rancher im Dorf, der einem geistig behinderten Landarbeiter ein Gnadenbrot gibt, der sich als Rodeoreiter so schwer verletzte, dass er danach kein normales Leben mehr führen konnte. Diamond ist wütend auf seine Mutter. Dass ihn auch solch ein Schicksal ereilen kann, blendet er völlig aus.

Aber eines Tages erwischt es ihn doch: Er verletzt sich schwer, kugelt sich den Arm aus, hat große Schmerzen und betäubt sich mit Aufputsch- und Schmerzmitteln, um weiterfahren zu können. Die Geschichte endet damit, dass er denkt: „Das kann doch nicht alles gewesen sein“.

In der dritten Geschichte „Lebenslauf“ (Job History) beschreibt Proulx das Leben von  Leeland Lee, der sein Leben lang vom Pech verfolgt ist, der sich aber nie unterkriegen lässt und immer wieder einen Neuanfang versucht. Von Geburt an nicht gerade mit einem guten Aussehen gesegnet, bricht er sich das Becken, heiratet, hat viele Arbeitsstellen in Folge, die jedes Mal enden, weil der Laden pleitegeht. Er bekommt insgesamt sechs Kinder. Sie müssen die Wohnung räumen, leben in einem Wohnwagen und ziehen oft der Arbeit wegen um. Später hilft die Frau beim Geldverdienen mit, aber sie erkrankt in ihrer letzten Schwangerschaft an Krebs, erleidet eine Fehlgeburt und stirbt. Und dennoch macht er neue Pläne für die Zukunft. Manche Kinder scheitern in ihrem Leben, manche kommen gut zurecht, ein verloren geglaubter Sohn kommt zu ihm zurück.

Die fünfte Geschichte „In der Hölle will man nur ein Glas Wasser“ (People in Hell Just Want a Drink of Water), auf die ich nicht näher eingehen werde, beginnt mit einer eindrucksvollen Beschreibung von Landschaft und Wetter Wyomings, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte:

Leseprobe 5 „In der Hölle will man nur ein Glas Wasser“ (People in Hell Just Want a Drink of Water)  S. 89

Man steht da wie angewachsen. Wolkenschatten rasen über die braungelben Steinhaufen wie ein Film über die Leinwand, werfen Flecken wie von einem schwärenden Ausschlag auf den Boden. Die Luft faucht und es ist keine Brise von hier, sondern das gewaltige, grausame Brausen des Windes, das bei der Erdumdrehung entsteht. Das wilde Land – indigoblaue Bergzacken, die endlose Grasebene, Steingeröll wie Trümmer von Städten, das flackernde Rasen des Himmels – weckt einen andächtigen Schauder. Es ist wie ein tiefer Ton, den man nicht hört, sondern spürt, wie ein Krallengriff in die Eingeweide.

Gefährlicher, teilnahmsloser Boden: Gegen seine feste Masse zählen die Tragödien der Menschen nicht, obwohl man die Spuren ihrer Missgeschicke überall sieht. Kein Gemetzel von einst, keine Grausamkeit, kein Unfall oder Mord, wie er auf den kleinen Ranches passiert oder in den abgelegenen Siedlungen mit ihren drei bis siebzehn Bewohnern, hält das anflutende Morgenlicht auf. Die Zäune, Rinder, Straßen, Raffinerien, Bergwerke, Kiesgruben, Verkehrsampeln, die Graffiti zur Feier eines sportlichen Triumphs an einer Fußgängerbrücke, die Blutkruste auf der Verladerampe des Wal-Mart, die sonnengebleichten Plastikblumenkränze zur Erinnerung an den Tod auf der Straße sind vergänglich. Andere Kulturen haben eine Weile hier kampiert und sind verschwunden. Nur die Erde zählt und der Himmel…

Die elfte und letzte Erzählung der Sammlung ist „Brokeback Mountain“, von der Annie Proulx sagt, sie sei gründlich missverstanden worden.

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Es ist die Geschichte der beiden Rancher Ennis del Mar und Jack Twist, die sich durch den gemeinsamen Auftrag, auf dem Brokeback Mountain den Sommer über Schafe zu hüten, kennenlernen und sich so rasch nahe kommen und ein sexuelles und freundschaftliches Verhältnis miteinander leben. Beide sind zu der Zeit noch keine zwanzig Jahre alt. Nach dieser Zeit verlieren sie einander aus den Augen. Beide heiraten und haben Kinder. Ennis bleibt an seinem Heimatort, während Jacks Familie in Texas lebt. Eines Tages findet Jack Ennis wieder und sucht ihn zu Hause auf. Ennis‘ Frau merkt sofort, was zwischen den beiden läuft. Sie treffen sich jahrelang immer mal wieder zum gemeinsamen Angeln in der Wildnis. Natürlich angeln sie dort nicht, sondern sind nur zusammen, was Ennis‘ Frau an der unberührten Angelausrüstung merkt. Jack träumt davon, gemeinsam mit Ennis eine Ranch zu bewirtschaften, aber Ennis weiß von einem Fall in der Gegend, bei dem zwei Männer zusammen eine Ranch unterhielten. Eines Tages fand man einen der beiden mit durchgeschnittener Kehle in einem Straßengraben nahe der Ranch.

Eines Tages bekommt Ennis eine Postkarte, die er an Jack geschrieben hat, mit dem Vermerk „Empfänger verstorben“ zurück. Er ruft Jacks Witwe an, die ihm minuziös schildert, wie Jack zu Tode kam, aber Ennis spürt sofort, dass Jack in Wirklichkeit ermordet worden ist. Ennis fährt zu Jacks Eltern und bietet ihnen an, Jacks letzten Wunsch zu erfüllen und seine Asche auf dem Brokeback Mountain zu verstreuen, aber diese lehnen ab. Als sie ihm Jacks Zimmer zeigen, bemerkt er zwei ineinandergesteckte teils blutige Oberhemden auf einem Bügel. Eines stammt von ihm. Jack muss es Ennis damals gestohlen haben, weil er ein Erinnerungsstück an Ennis haben wollte.

Ennis nimmt diese beiden Hemden mit zu sich und hängt sie in seinem Wohnwagen an einem besonderen Platz auf. Er ist längst geschieden, arbeitet viel und hart und lebt sparsam, da er für seine Kinder Unterhalt zahlen muss. Das einzig Schöne und zugleich Schlimme, das ihm im Leben geblieben ist, sind seine Erinnerungen an seine gemeinsame Zeit mit Jack und die beiden Hemden, die weiterhin ungewaschen auf dem Bügel ineinandergesteckt hängen und an denen er täglich schnüffelt.

Leseprobe 6 „Weit Draußen“ / „Brokeback Mountain“  S. 208

Nach ihrem gemeinsamen Sommer auf dem Brokeback Mountain verabschieden sich Ennis und Jack voneinander:

[…] sie drückten sich die Hand, schlugen einander auf die Schulter, dann waren zehn Meter Abstand zwischen ihnen und nichts anderes möglich, als in entgegengesetzte Richtungen davonzufahren. Nach kaum einer Meile schon war Ennis, als reiße ihm etwas die Eingeweide heraus, Hand über Hand, Meter um Meter. Er hielt am Straßenrand, im wirbelnden Neuschnee, und versuchte zu kotzen, aber nichts kam hoch. Ihm war so elend zumute wie noch nie und es dauerte lange, bis das Gefühl verging.

Wie oben erwähnt, sagt die Autorin zu dieser Geschichte, sie sei missverstanden worden, erst recht nach der Verfilmung im Jahre 2005. In der Beschreibung heißt es immer, es sei eine Geschichte über zwei schwule Cowboys. Das sei nicht der Punkt. In Wirklichkeit sei das Thema Homophobie, ein weit verbreitetes Phänomen vor allem in den ländlicheren Gebieten der USA.

Annie Proulx sagt, die Menschen in Wyoming würden ihre Geschichten entweder nicht lesen oder, falls doch, sie hassen, weil sie über viele Aspekte schreibt, die die Menschen als Makel empfinden. Es gefiele ihnen nicht, dass Wyoming nicht rosarot dargestellt würde.

Ähnlich geht es ihr auch mit ihrem erfolgreichsten Roman, den „Schiffsmeldungen“, den ich als letztes Werk vorstelle.

„Schiffsmeldungen“ / The Shipping News 1993

schiffsmeldungen

„Schiffsmeldungen“ ist Proulxs zweiter Roman aus dem Jahr 1993, für den sie den Pulitzer-Preis, den National Book Award und den Irish Times International Fiction Prize bekam. Er wurde 2001 in Hollywood von Lasse Hallström verfilmt.

Der Protagonist des Romans heißt nur Quoyle. Seinen Vornamen erfahren wir nicht. Quoyle ist ein Begriff aus der Schiffsknotenkunde. Er bedeutet eine Art Taurolle, bei der das Schiffstau spiralig flach auf den Boden gelegt wird, sodass man noch drauf treten kann, Ein passender Name, denn auch Quoyle muss zahllose Fußtritte in seinem Leben erfahren.

Fast alle Kapitel bekommen Namen von verschiedenen Schiffsknoten, die jedes Mal beschrieben werden und die immer einen Bezug zum Inhalt des Kapitels haben. Die Knoten, ihre grafischen Darstellungen und Beschreibungen sind allesamt dem Ashley-Buch der Knoten entnommen.

Das Buch beginnt mit einer Beschreibung der Person Quoyles:

Leseprobe 7 „Schiffsmeldungen“ S. 9 – 11

Übersät mit Quaddeln, die Eingeweide in Aufruhr vor Gasen und Krämpfen, überlebte er die Kindheit; An der Universität überspielte er, die Hand vorm Kinn, Qualen mit Lächeln und Schweigen. Stolperte durch seine Zwanziger in die Dreißiger, lernte seine Gefühle von seinem Leben zu trennen, rechnete auf nichts. Er aß ungeheuer viel, mochte Eisbein, Butterkartoffeln.

Seine Tätigkeiten: Auffüller von Süßigkeitenautomaten, Nachtverkäufer in einem rund um die Uhr geöffneten Laden, drittklassiger Reporter…

Von Anfang an erweckte diese Beschreibung in mir keinerlei Mitleid mit ihm, wie man vielleicht glauben könnte, sondern eine tiefe Sympathie. Wir erfahren im Lauf des Romans, wie dieser als tollpatschig beschriebene Mensch sich mehr und mehr selbst und schließlich auch – wenn auch ganz langsam und zaghaft – sein Lebensglück findet.

Quoyle, der in einer Kleinstadt im Bundesstaat New York lebt, lernt bei seinen häufigen Besuchen im Waschsalon einen Mann namens Partridge kennen, der ihn so mag, wie er ist und der ihm eine Stelle im Zeitungsgewerbe vermittelt. Quoyle hat keine Ahnung, wie er das Verfassen eines Artikels anstellen soll. Er wird hart kritisiert, aber das tut ihm nicht weh, da er viel Schlimmeres von seinem Vater und seinem Bruder gewohnt ist.

Einige Monate später wird er gefeuert und arbeitet als Taxifahrer. Dann erhält er die Einladung, wieder bei der Zeitung zu arbeiten. Zwar vermochte er es nicht, gute Artikel mit griffigen Schlagzeilen zu schreiben, aber der Chef, Mr Punch, hatte eine besondere Eigenschaft bei ihm festgestellt: Quoyle redete zwar wenig, war aber ein guter Zuhörer. Nicht nur das, er verstand es, durch sein aufmerksames Zuhören andere Menschen zum Reden anzuregen. „Seine aufmerksame Haltung, sein schmeichelhaftes Nicken lösten Sturzbäche von Meinungen, Erinnerungen, Reminiszenzen, Theorien, Einschätzungen, Darlegungen, Resümees und Erklärungen aus, pressten aus Fremden die Geschichten ihres Lebens heraus“. Er arbeitet weiter und müht sich. Sein mageres Gehalt ermöglicht ihm nur das Hausen in einem Wohnwagen. In der folgenden Leseprobe beschreibt die Autorin Quoyles Gedanken über seine Berufsarbeit und seine Lebensaussichten:

Leseprobe 8 „Schiffsmeldungen“ S. 21

Er trennte sein Leben von den Zeitläuften. Er hielt sich für einen Zeitungsreporter, las aber keine Zeitung außer dem Mockingburg Record und übersah auf diese Weise erfolgreich Terrorismus, Klimaveränderung, Regierungsumstürze, Chemieunfälle,  [….] Das war Stoff aus dem Leben anderer. Er wartete darauf, dass seines anfing.

Er gewöhnte sich an, um den Wohnwagen herumzugehen und laut „Wer weiß?“ zu fragen. „Wer weiß“ sagte er. Denn keiner wusste es. Alles war möglich, meinte er.

Eine kreiselnde Münze, die noch auf dem Rand schaukelt, kann in beide Richtungen fallen.

Bei einer Versammlung lernt er Petal Bear kennen. Als er sie anschaut, fragt sie ihn – eher aus Spaß – ob er sie heiraten wolle, und er sagt ja. Es folgen: ein Monat feuriger Glückseligkeit, danach sechs verkorkste Jahre Leiden“.

Petal liebt nicht Quoyle, sondern Männer im Allgemeinen. Immer wieder hat sie Liebhaber, die sie sogar mit nach Hause bringt. Quoyle erduldet es überwiegend still.

Sie bekommen eine Tochter und nennen sie Bunny, im nächsten Jahr wird Sunshine (Sunny) geboren. Quoyle kümmert sich rührend um die Kinder und nimmt sie überall mit hin. Petal hat ein vollkommen gestörtes Verhältnis zu ihren Kindern und erkennt sie noch nicht einmal („Wer ist dieses fremde Kind, das da auf unserer Toilette sitzt?“)

Sehr bald will sich Petal scheiden lassen. Quoyle hingegen will nur sie.

Quoyles Eltern bringen sich eines Tages beide um, weil sie unheilbar und tödlich erkrankt sind. Er kümmert sich ganz allein um ihre Beerdigung.

Petal verlässt Quoyle und nimmt heimlich die Kinder mit. Dieser ist außer sich und schaltet die Polizei ein.

Tante Agnis Hamm, die Halbschwester seines Vaters, kommt zu Besuch und bietet Quoyle etwas Halt in dieser verzweifelten Lage. Quoyle wird von der Polizei benachrichtigt, dass seine Frau mit ihrem Lebensgefährten tödlich mit dem Auto verunglückt ist. Die Kinder waren nicht im Auto. Bald stellt sich heraus, dass Petal sie illegal an einen Mann verkauft hatte, der vorhatte, sie sexuell missbrauchen zu lassen. Das Büro des Mannes wird gestürmt, die Kinder mitgenommen, dem Sozialamt übergeben und gründlich untersucht. Zum Glück ist ihnen noch nichts geschehen. Quoyle kann sie bald wieder in seine Arme schließen. Quoyle bitte Agnis zu bleiben, worauf sie ihren Hund aus ihrem Auto holt und ihn mit in seinen Wohnwagen nimmt.

Agnis hat vor, nach Neufundland zu ziehen, wo sie geboren und aufgewachsen war. Es gibt auch noch ein Haus, das den Quyoles gehört hatte. Das will sie wieder in Besitz nehmen. Sie überredet ihren Neffen, mitzukommen, zumal ihm erst kurz zuvor wieder bei der Zeitung gekündigt worden ist. Quoyle überwindet seine Angst vor dem Wasser und fährt mit Agnis, ihrem Hund (namens Warren) und seinen beiden Töchtern Bunny und Sunny nach Neufundland. Es klingt makaber: Durch Petals Lebensversicherung und das im Unfallauto gefundene Geld vom Kinderhändler ist er nunmehr finanziell saniert.

Quoyle ruft seinen alten Freund Partridge an, der inzwischen nach Kalifornien gezogen ist, und bittet ihn um Hilfe bei der Arbeitssuche, denn Partridge hat viele Beziehungen zu Zeitungen. Dieser nennt ihm eine Zeitung in Neufundland, die einen Mitarbeiter für die Rubrik „Schiffsmeldungen“ sucht.

Auf der Fähre nach Neufundland (insgesamt sind es 2000 km Fahrt) gibt sich Agnis ihren Gedanken an Neufundland hin:

Leseprobe 9 „Schiffsmeldungen“ S. 44

Wie viele waren hierhergekommen und hatten an der Reling gelehnt wie jetzt sie? Auf den Felsen im Meer gestarrt. Wikinger, die Basken, die Franzosen, Engländer, Spanier, Portugiesen. Angezogen vom Kabeljau, in den Tagen, als Unmengen von Fisch die Schiffe in der Drift auf ihrem Weg zu den Gewürzinseln  aufhielten, erwarteten sie Städte aus Gold. Der Matrose im Mastkorb träumte von gebratenem Alk oder süßen Beeren in Bechern aus geflochtenem Glas, sah jedoch krumpelige Wellen, Lichter, die die Reling entlangflackerten. Die Städte bestanden einzig aus Eis, Eisberge mit Kernen aus Beryll, blauen Edelsteinen in weißen Edelsteinen, von denen einige behaupteten, sie würden einen Mandelgeruch verströmen. Als Kind hatte sie den bitteren Duft gerochen.

Küstenerkundungstrupps kehrten blutverkrustet vor Insektenstichen an Bord zurück. Nass, nass sei das Innere der Insel, erzählten sie, Sumpf und Moor, Flüsse und ein Teich am anderen, wo es vor metallisch krächzenden Vögeln wimmelte. Die Schiffe schrammten um die Küstenzacken. Und der Matrose im Ausguck sah Schatten von Karibus im Nebel auftauchen.

Später war die Gegend bei manchen dafür bekannt, dass sie bösartige Geister hervorbrachte. Die Hungersnöte im Frühling zeitigten knochige Köpfe, knotige Gelenke unter Fleisch. Was für eine verzweifelte Mühsal, am Leben zu bleiben, sich durch harte Zeiten zu kratzen und zu scharren. Das alchimistische Meer verwandelte Fischer in nasse Knochen, trieb Boote zum Kabeljau hinaus, warf sie aufs Küstenvorland. Sie erinnerte sich an die Erzählungen aus alten Mündern: der Vater, der seine ältesten Kinder und sich selbst erschoss, damit der Rest von den Mehlkrümeln leben konnte; Robbenfänger, auf einer Eisscholle kauernd, die wegen ihres Gewichts vom Wasser überspült war, bis einer ins Meer sprang; Sturmfahrten, um Arzneien zu holen – immer das Falsche und zu spät für den von Krämpfen geschüttelten an Land Gebliebenen.

Seit ihrer Zeit als junges Mädchen war sie nicht mehr in diesen Gewässern gewesen, aber es brandete wieder in ihr hoch, das hypnotische Brodeln des Meeres, der Geruch nach Blut, Wetter und Salz, Fischköpfen, Fichtenholzrauch und stinkenden Achselhöhlen, das Rappeln von Felsen wie Seifenkugeln in fauchenden Wogen, Lummen, der Geschmack von hartem, eingeweichtem und gekochtem Brot, das Schlafzimmer unter der Dachrinne.

Doch jetzt, hieß es, sei es mit dem harten Leben vorbei. Die Kräfte des Schicksals geschwächt von der Arbeitslosenversicherung, der aufflammenden auf Geld aus Ölbohrungen vor der Küste. Alles war jetzt Fortschritt und Besitz, alles ein Drängen und Schieben. Hieß es.

Fünfzehn war sie gewesen, als sie von Quoyle’s Point fortzogen, siebzehn, als die Familie in die Staaten ging, ein Tropfen in den Fluten von Neufundländern, die fortbrausten von den abgelegenen Fischerdörfern, Inseln und versteckten Buchten, wie Wasser fortbrausten von Isolation, Ungebildetheit, Hosen aus abgenutzten Polsterstoffen, zahnlosen Gebissen, fort von verdrehten Gedanken und rauen Händen, von der Verzweiflung.

Sie erreichen tatsächlich das große Holzhaus an Quoyle’s Point, das mit Seilen gesichert ist. In den folgenden Monaten des Einlebens restaurieren sie es nach und nach und wohnen darin. Agnis nimmt ihren alten Beruf der Schiffspolsterei wieder auf, eröffnet eine Werkstatt und stellt zwei Mitarbeiterinnen ein. Über Agnis erfahren die Leser, dass ihr Mann in Wirklichkeit eine Frau war, mit der sie glücklich bis zu deren Krebstod zusammenlebte. Zur Erinnerung an sie gab Agnis ihrem neuen Hund deren Vornamen – Warren.

Quoyle nimmt seine Arbeit bei der Lokalzeitung „Gammy Bird“ (=Eiderente) auf und macht sich langsam mit allem vertraut. Seine Mitarbeiter sind allesamt sehr individuelle Typen, die sehr gerne die wüstesten Geschichten erzählen, gerne einen über den Durst trinken und fast täglich gemeinsam essen gehen. Quoyles Aufgabe besteht darin, zum Hafenmeister zu gehen, sich die Liste der ein- und auslaufenden Schiffe aushändigen zu lassen und diese dann für die Zeitung abzutippen, ein ziemlich stupider Job. Deshalb trägt man Quoyle auf, auch über Autounfälle zu schreiben, was diesen angesichts von Petals Tod sehr quält.

In seiner amerikanischen Zeitungsredaktion hatte man ihm eingebläut, griffige Schlagzeilen zu erfinden. Dieser Appell sitzt so tief in ihm, dass er in einer Art innerem Monolog zu erfreulichen oder unerfreulichen Ereignissen in seinem neuen Leben auf Neufundland Schlagzeilen verfasst, so z. B. die folgende, nachdem alle Bekannten Schlechtes über das Boot sagen, das ihm jemand angedreht hatte:

„Trommelwirbel aus Regen: DUMMER MANN TUT WIEDER EINMAL DAS FALSCHE“

Quoyle wird auf eine Frau aufmerksam, an der er schon des Öfteren vorbeigefahren ist. Er findet ihre Art zu gehen sehr schön. Von einem Redaktionskollegen erfährt er, dass sie Wavey Prowse heißt, verwitwet ist und einen behinderten Sohn hat.

Ein besonderes Schiff kommt nach Killick-Claw (der Name ist Fiktion). Es ist eine besondere Jacht, die Hitler in Auftrag gegeben, aber nie in Anspruch genommen haben soll. Der Inhaber will das Schiff aufpolstern lassen – bei Tante Agnis. Agnis wird von dem Schiffsbesitzer um den Lohn für ihre Arbeit geprellt. Jahre später erhält sie aber einen Briefumschlag ohne Absenderangabe, in dem genau der Betrag enthalten ist, den sie dafür hätte bekommen müssen. Es steht zu vermuten, dass die Ehefrau des Schiffseigners, die sich von ihm hatte scheiden lassen, nach dessen plötzlichen Tod dieses Geld geschickt hat.

Quoyle findet wirkliche Freunde in dem Ehepaar Dennis und Beety, bei denen er immer seine Töchter lassen kann, was diese nicht belastet, da sie sich mit ihren eigenen Kindern so gut verstehen. Sie sind eine Art zweites Zuhause für ihn.

Quoyle, der von der Hitler-Jacht fasziniert ist, schreibt einen Artikel über sie. Als dieser veröffentlicht wird, kündigen ihm alle Kollegen Probleme mit dem Chef an wegen Kompetenzüberschreitung. Als er tags drauf ins Zimmer des Chefs gerufen wird, bleibt nicht nur das Donnerwetter aus, im Gegenteil: Der Chef hat viele positive Rückmeldungen wegen dieses Artikels bekommen. Quoyle soll jetzt wöchentlich einen Artikel über ein Schiff schreiben und außerdem endlich einen PC bekommen (Bisher hatte er alles auf einer alten Schreibmaschine getippt)  Annie Proulx beschreibt seine Gedanken und Gefühle nach dieser Begegnung:

„Quoyle ging an seinen Schreibtisch zurück. Er fühlte sich leicht und heiß. …., spannte Papier in die Schreibmaschine, tippte aber nichts. Sechsunddreißig Jahre alt, und zum ersten Mal hatte jemand gesagt, dass er etwas richtig gemacht hatte.“

Endlich begegnen sich Quoyle und Wavey Prowse persönlich. Er erfährt, dass sie sehr aktiv in der Gemeinde ist. Sie hat einen Elternverein gegründet mit dem Ziel, dass auch Kinder wie ihr behinderter Sohn Herry etwas lernen. Als sie ihn dazu einlädt, mit ihr zur Bücherei zu fahren, ist er Feuer und Flamme und putzt sich vor dieser Verabredung so gut heraus, wie er nur kann. Meisterhaft ist die Weise, auf die Annie Proulx die Erfahrungen und Gefühle ihres Protagonisten beschreibt. Sie arbeitet hier mit dem Mittel der Übertreibung. So mancher von uns mag sich in dieser humorvollen Schilderung wiederfinden:

Leseprobe 10 „Schiffmeldungen“ S. 176

Quoyle fühlte sich vier Meter breit, wie ein unbeholfenes, angestochenes Schwein, und wohin er sich auch wandte, blieb sein Pullover an einem vorstehenden Buch hängen. Er warf Humoristen um, Mörder, Country-Musiker, salbadernde Ärzte, fing sie in der Luft auf oder gar nicht. Törichter Quoyle, errötend, in einer winzigen Bücherei an einer Küste im Norden. Fand aber in die Reiseabteilung und entdeckte Erics Newby und Hansen, entdeckte Redmond O’Hanlon und Wilfried Thesiger. Nahm einen Armvoll.

Durch seinen Chef erfährt Quoyle, dass das Haus, das er zusammen mit seiner Tante gerade instandgesetzt hat, in Wirklichkeit einem noch lebenden alten Mann namens Nolan Quoyle gehört. Bunny wacht nachts davon auf, dass jemand mit einer Taschenlampe ums Haus schleicht. Quoyle nimmt sich vor, diesen alten Mann in seiner Hütte aufzusuchen, was er erst viel später tut.

Tochter Bunny kommt in die Schule. Alle machten sich Sorgen, ob das gut gehen würde, weil sie etwas sonderbar ist und wohl die Zukunft vorhersagen kann, aber es geht gut. Als sie einmal ausrastet und von der Schule fliegen soll, stehen ihr Beety und Wavey bei, weil sie wissen, wie garstig die Lehrerin ist, wegen deren Verhalten dem behinderten Herry gegenüber das Mädchen ausgerastet war. Das Ganze endet damit, dass Bunny bleiben darf und die Lehrerin versetzt wird.

In der Redaktion kommt es zu einem Streit zwischen Quoyle und seinem unmittelbaren Vorgesetzten wegen eines Artikels von Quoyle, den dieser völlig umgeschrieben hatte. Quoyle schafft es zum ersten Mal, sich richtig zur Wehr zu setzen. Sein Artikel beklagte die Vorhaben von Ölfirmen, vor der Küste Neufundlands nach Öl zu bohren. Dieser Vorgesetzte, ein Befürworter der Ölindustrie, hatte ihn bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Quoyle gewinnt den Streit mit dem Ergebnis, dass sein Artikel unverändert gedruckt wird.

Quoyle und Wavey kommen sich immer näher, von der Autorin so beschrieben: „Wie zwei Enten, die erst auf verschiedenen Seiten des Wassers schwimmen, aber in der Mitte enden, beisammen. Es dauerte lange„. Gleich im Anschluss eine weitere Begegnungsschilderung:

„Wavey kam die Stufen herunter, zog an den Ärmeln ihres selbstgeschneiderten Mantels, die Farben wie Schneematsch. Sie stieg ein, blickte ihn an. Ein schwaches Lächeln. Sah weg. Ihrer beider Schweigen angenehm. Etwas wuchs. Aber was?  Nicht Liebe, die schwärte und schmerzte. Nicht Liebe, die nur einmal kam“. (S. 274)

Inzwischen haben sich alle so gut eingelebt, dass sie nicht mehr zurück nach New York wollen. Bezeichnend ist auch hier wieder die Schilderung von Quoyles Gefühlen:

Leseprobe 11 „Schiffsmeldungen“ S. 282

Quoyle wollte auch nicht nach New York zurück. Wenn das Leben ein Lichtbogen war, der in Dunkelheit begann, in Dunkelheit endete, dann war der erste Teil seines Lebens normal verlaufen. Hier war es, als hätte er ein Polarisations-Mikroskop gefunden, das alles, was man damit betrachtete, vertiefte und verstärkte. Dachte an sein dummes Ich in Mockingburg, das alles hingenommen hatte, was ihm zugestoßen war. Kein Wunder, dass die Liebe ihm durch Herz und Lungen geschossen war, innere Blutungen verursacht hatte.

Eines Tages kommt Quoyle nach Hause und bemerkt, dass auf allen Schwellen Schiffsknoten liegen. Ihm ist sofort klar, dass es sein alter Verwandter Nolan ist. Wütend sucht er ihn in seiner Hütte auf und muss feststellen, dass der alte Mann wohl nicht mehr so ganz Herr seiner Sinne ist. Quoyle wirft ihm die Knoten hin und Nolan wirft sie ins Feuer und sagt, dass sie jetzt nie mehr aufgehen würden. Es seien Hexenknoten gewesen.  Als Quoyle Monate später nach Nolan sieht, bemerkt er, dass der Mann fast verhungert ist, und sorgt dafür, dass er in ein Heim kommt. Da die Pfleger merken, dass er nicht mehr ganz richtig tickt, wird er in ein geschlossenes Heim geschickt. Sehr bald entdeckt Quoyle aber, dass Nolan absichtlich von Zeit zu Zeit „austickt“, weil er in dem geschlossenen Heim bleiben will, denn dort sind das Essen und die allgemeine Pflege viel besser als in dem offenen Heim.

Quoyle und Wavey kommen sich nun so nahe, dass sie auch zusammen die Nacht verbringen. Sie sprechen sich auch aus über ihre jeweiligen vorigen Ehepartner und müssen erkennen, dass beide Ehen nur schlimm waren und dass beide von ihrem Gegenüber ausgebeutet wurden. Beide hatten geglaubt, nicht bessere Ehepartner verdient zu haben.

Eines Nachts wird das Haus der Quoyles durch einen Sturm losgerissen und ins Meer getrieben. Quoyle, die Kinder und Agnis wohnten schon seit einiger Zeit in Wohnungen in Killick-Claw. Bunny hatte dieses Ereignis vorausgesehen.

Quoyle wird Chefredakteur des „Gammy Bird“, nachdem sein Vorgesetzter ausgewandert ist. Voller Stolz schickt er seinem alten Freund Partridge eine Ausgabe der Zeitung, in der er als Chefredakteur genannt ist.

Agnis trauert um ihr verlorenes Haus, kommt aber drüber hinweg. Quoyle sagt ihr auf den Kopf zu, was ihr eigener Vater mit ihr gemacht hatte. Er hatte sie missbraucht, sie war schwanger geworden und hatte das Kind abgetrieben. Der alte Nolan hatte es ihm erzählt. Agnis will nun daraufhin nicht mehr mit Quoyle zusammenwohnen.

Das Buch endet damit, dass Quoyle und Wavey heiraten. Und wie so oft verabschiedet sich Proulx mit einer eindrucksvollen und aufschlussreichen Schilderung von Quoyles Gefühlen bei der Hochzeitsfeier. Über ihren Vergleich am Schluss kann eventuell spekuliert werden:

Leseprobe 12 „Schiffsmeldungen“ S. 392

Quoyle erlebte Augenblicke in sämtlichen Farben, gab geistreiche Bemerkungen von sich, achtete auf den vielschichtigen Klang der Wellen, wenn sie Steine zählten, er lachte und weinte, bemerkte Sonnenuntergänge, hörte Musik bei Regen, sagte: Ja. Vor dem Haus der Burkes tauchte eine Reihe glänzender Radkappen auf Stöcken auf. Ein Hochzeitsgeschenk des Brautvaters.

[…] Wasser konnte älter sein als Licht, Diamanten in heißem Ziegenblut zerspringen, Berggipfel kaltes Feuer von sich geben, Wälder mitten im Ozean auftauchen, es kann passieren, dass ein Krebs mit dem Schatten einer Hand auf dem Rücken gefangen, dass der Wind in einem Stück verknoteter Schnur eingesperrt wird. Und es mag sein, dass die Liebe manchmal ohne Schmerzen und Elend kommt.

 

  1. Ein paar Bemerkungen zu den Verfilmungen von „Brokeback Mountain“ und „Schiffsmeldungen“

Brokeback Mountain ist relativ authentisch und originalgetreu verfilmt, was sicher der Tatsache geschuldet ist, dass die Erzählung nur 47 Seiten umfasst. Einzig der Grund für Ennis‘ ablehnende Haltung einer gemeinsamen Ranch mit Jack gegenüber, weil einer von zwei vermeintlich schwulen Ranchern in der Vergangenheit ermordet wurde, wird nicht erwähnt.

Die Hollywood-Verfilmung der „Schiffsmeldungen“ kann ich nur sehr gemischt beurteilen:

Kevin Spacey für die Figur des Quoyle ist viel zu schön und zu schlank. Auch verdeckt er nicht wie der literarische Quoyle beim Sprechen schamhaft sein massiges Kinn mit der Hand. Was mich aber damit aussöhnt, ist, dass er die Tollpatschigkeit und Wortkargheit des Protagonisten recht gut darstellt.

Die zweite Tochter Sunny wird im Film unterschlagen, was dadurch gerechtfertigt sein mag, dass sie wesentlich weniger als Bunny in Erscheinung tritt.

Julianne Moore als Darstellerin der Wavey Prowse ist von der Gestalt her in Ordnung, allerdings gebärdet sie sich in manchen Situationen mit Quoyle geradezu zickig, was der literarischen Figur nicht gerecht wird.

Die Begegnung Quoyles mit dem alten Nolan wird völlig verzerrt. Er wird geradezu dämonisch dargestellt. Wahrscheinlich benötigte der Film ein paar Gruseleffekte.

Im Film heiraten Quoyle und Wavey nicht. Das Ende wird offen gelassen. Dafür wird aber etwas eingefügt, was dem Original nicht entspricht: Nach einer durchzechten Nacht kommt Quoyle zu Wavey und versucht, sie in volltrunkenem Zustand zu vergewaltigen. Außerdem missbraucht nicht ihr eigener Vater Agnis Hamm, sondern ihr Bruder, was auch mittels einer Rückblende dargestellt wird. Nun, Annie Proulx, die in die Verfilmung einbezogen war, scheint diese Änderungen zugelassen zu haben.

Die Figur von Quoyles Tante Agnis Hamm jedoch erfährt die absolute Starbesetzung, die besser nicht hätte sein können: Es ist die Schauspielerin Judy Dench. Zupackend, warmherzig, sensibel und zugleich schroff und distanziert – all diese Facetten der Person von Agnis Hamm stellt sie meisterhaft dar. Insgesamt beurteile ich die Verfilmung der „Schiffmeldungen“ als sehenswert mit den o. g. Einschränkungen und die von „Brokeback Mountain“ als uneingeschränkt sehenswert. Die Kritik zu letzterer bezieht sich nur auf die Adaption durch Kritiker und Publikum.

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